Erleichtert atmete Emmanline aus, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Endlich war sie aus diesem Raum hinaus und konnte zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wirklich tief Luft holen. Zwar hatte sie dem Rat versprochen, alles über Culebra zu erz?hlen, doch in ihr braute sich etwas zusammen, das nichts mit den ausgesprochenen Worten zu tun hatte, sondern mit einer leisen, aber entscheidenden Ver?nderung tief in ihrem Inneren. Ihr ganzes Leben hatte sie unter Culebras Hand gelitten, hatte ertragen, geschwiegen, gezwungen überlebt… und nun stand sie an einem Punkt, an dem es tats?chlich m?glich schien, dass er gefasst werden k?nnte. Dass er endlich seine gerechte Strafe erhielt. Doch sicher war Emmanline sich keineswegs. Sie kannte ihn besser, als ihr je gutgetan hatte… besser, als sie es jemals gewollt h?tte. Culebra würde niemals Halt machen, wenn er etwas begehrte, und gerade deshalb beschlich sie das beklemmende Gefühl, dass er sie niemals wirklich gehen lassen würde. Besitzergreifend war dieser Drache schon immer gewesen, wenn es um seine Gier und Macht ging, und dennoch hatte Emmanline nie verstanden, warum er ausgerechnet ihretwegen solch gro?e Mühen auf sich genommen hatte. Sicher, er war besessen von der Herkunft ihrer wahren Unsterblichkeit, die er für sich selbst verwenden wollte. Doch sie konnte ihm darauf ebenso wenig Antworten geben wie sich selbst. Sie wusste es schlichtweg nicht.
Unz?hlige Male hatte Emmanline sich gefragt, warum sie niemals befreit wurde, warum sie nicht sterben durfte wie all die anderen, die es irgendwann nicht mehr in der Gefangenschaft ausgehalten hatten. Wie oft hatte sie deren Tod beneidet, hatte im Stillen verzweifelt gebetet… darum gefleht, endlich erl?st zu werden. In den frühen Jahren hatte sie wenigstens noch ihre Mutter gehabt… bis auch diese ihr genommen worden war. Dass ihre Mutter sterben konnte, sie selbst jedoch nicht… war ein weiterer schmerzhafter Widerspruch, den sie nie hatte begreifen k?nnen. W?re sie doch ihre Mutter gewesen... und doch war sie gegangen. Die Elfen besa?en keine wahre Unsterblichkeit, das wusste sie l?ngst, und vielleicht hatte sie sich gerade deshalb irgendwann aufgeh?rt, diese Fragen zu stellen. Dieses Warum. Dieses Wenn.
Nun war es an der Zeit, sich abzulenken, etwas anderes zu tun, um nicht erneut in diesen qualvollen Abgrund zu fallen. Ein Gedanke hatte sich bereits in ihr Kontur angenommen... einer, der ihr sinnvoll erschien, wenn sie vorankommen wollte. Also ging Emmanline denselben Weg zurück, den sie zuvor gemeinsam mit Lucien genommen war. An einer Verzweigung blieb sie abrupt stehen… genau an jenem Punkt, an dem sie schon zuvor gez?gert hatte. Wieder beschlich sie dieses merkwürdige Gefühl, denn die Frau, die sie vorhin gesehen hatte, stand noch immer dort.
Emmanline hatte diese Frau schon mehrfach bemerkt, und Malatya hatte ihr einmal beil?ufig erkl?rt, dass es sich um ihre Lehrerin handelte. Sie war auffallend hübsch, mit blondem Haar, das leicht golden schimmerte und ihr eine freundliche Ausstrahlung verlieh, w?hrend der kurze Schnitt zugleich eine natürliche Autorit?t vermittelte. Ihre Rolle als Gelehrte passte vollkommen zu ihr... etwas, das vor allem ihre Augen verrieten… ein tiefes Grau, ruhig, aufmerksam und voller Wissen.
Schon bald fand Emmanline die Frau interessant, doch was ihre Aufmerksamkeit wirklich fesselte, war das kleine M?dchen, das dicht neben ihr stand. Es hatte dasselbe helle blonde Haar wie die Drachin und musste etwa drei oder vier Jahre alt sein. Mit kleinen H?nden klammerte es sich an den Stoff ihres Kleides, fast verzweifelt, als suchte es ihre Aufmerksamkeit, und Emmanline fragte sich unwillkürlich, warum die Frau das offenbar gar nicht bemerkte. Sie konnte nicht erkennen, womit die Drachin so besch?ftigt war, doch offenbar nahm es sie vollkommen ein, denn erst nach einem Moment hob sie ihren grauen Blick und musterte Emmanline kurz.
?Oh, entschuldige. Ich wollte… nicht st?ren“, brachte Emmanline hervor, pl?tzlich unsicher, und hob abwehrend ihre H?nde.
?Schon in Ordnung. Du st?rst nicht“, antwortete die Frau mit einem sanften L?cheln, und Emmanline stellte überrascht fest, dass sie sie augenblicklich mochte. ?Ich versuche nur herauszufinden, wie ich dieses kleine K?tzchen aus der Spalte dort bekomme.“ Sie seufzte leise. ?Einer meiner Spr?sslinge dachte wohl, er müsse eben ein Katzenjunges verspeisen. Das tun sie st?ndig, und dann wundern sie sich, dass die Tiere fliehen. So braucht man sich wirklich nicht fragen, warum hier niemand ein Haustier halten kann. Für sie ist alles nur ein potenzieller Leckerbissen.“
Emmanline trat n?her. ?Wenn Drachen so reagieren… warum haltet ihr dann überhaupt Haustiere, wenn sie in euren Augen nur Nahrung sind?“
?Genau deshalb“, erwiderte die Drachin ruhig. ?Die Jungdrachen müssen lernen, dass nicht alles und jeder ihre Mahlzeit ist. Andernfalls würden sie es niemals begreifen.“ Was sie sagte, ergab in Emmanlines Augen tats?chlich einen Sinn.
Vorsichtig ging sie in die Hocke und richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf das kleine K?tzchen, das sie mit gro?en, grünen, ?ngstlichen Augen anstarrte. ?Du musst keine Angst haben…“ Ihre Stimme war leise und sanft, und die Katze zuckte mit ihren spitzen Ohren, als lausche sie jedes Wort. ?Niemand wird dir etwas tun.“ Pl?tzlich schoss das wei?e K?tzchenjunges mit den schwarzen Tupfen aus seinem Versteck hervor und sprang direkt in Emmanlines Arme. überrascht, aber instinktiv behutsam, fing sie es auf und schmiegte es an sich, w?hrend ein warmes Gefühl sie durchstr?mte… ausgel?st durch dieses unerwartete Vertrauen.
?Wie hast du das gemacht?“ In der Stimme der Frau lag unverhohlenes Erstaunen.
Emmanline erhob sich mit der Katze im Arm. ?Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so viele scharfe Z?hne und Klauen habe wie ihr. Das ist zwar auch ein Raubtier, aber noch lange nicht auf dieselbe Weise wie ihr Drachen.“
Die Drachin gluckste leise. ?Gut… das ist ein wirklich überzeugendes Argument.“ Wie von selbst begann Emmanline, mit der Hand über das weiche Fell des K?tzchens zu streichen. Es war gl?nzend wei?, durchzogen von vereinzelten grau-schwarzen Flecken, und nach einer Weile begann es, seltsame vibrierende Ger?usche von sich zu geben, was sie innehalten lie?. ?Oh… jetzt schnurrt er sogar. Offenbar mag er dich“, stellte die Drachin amüsiert fest und nickte mit einem warmen Gesichtsausdruck.
?Schnurren?“ Emmanline sah sie verwundert an.
Wieder gluckste die Frau, und ihre grauen Augen funkelten vor W?rme und Zuneigung. ?Das ist ein Zeichen von Wohlbefinden. Katzen machen das, wenn sie sich sicher und wohl fühlen.“ Nachdenklich blickte Emmanline wieder auf das kleine Bündel in ihren Armen, das seinen Kopf mit geschlossenen Augen immer wieder suchend an ihrer Brust rieb. Dieses beharrliche Verhalten lie? etwas Warmes in ihr aufsteigen… etwas, das sie nicht abweisen konnte. Ohne darüber nachzudenken, schloss sie das K?tzchen in ihr Herz. ?Behalte es. Bei dir scheint er sich sicher zu fühlen“, sagte Linava l?chelnd. Vielleicht würde Emmanline das wirklich tun.
Nach kurzem Z?gern hob sie den Blick. ?Darf ich Euch etwas fragen?“ Unsicher, wie sie beginnen sollte, stockte sie einen Moment.
?Natürlich“, erwiderte die Drachin ruhig. ?Aber nenn mich bitte Linava. Keine F?rmlichkeiten.“ Offenbar hatte sie Emmanlines Vorsicht bemerkt.
Emmanline atmete tief durch und sah ihr dann direkt in die Augen. ?Vorhin… und auch jetzt… steht die ganze Zeit ein kleines M?dchen neben dir. Als würde sie versuchen, deine Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Instinktiv wich Emmanline einen Schritt zurück, als sie Linavas Gesichtsausdruck sah. Etwas darin ver?nderte sich schlagartig… Schock… Schmerz… etwas Zerbrechendes.
Linavas Blick huschte suchend umher, als wolle sie etwas erfassen, das sich ihr entzog. ?Ein… kleines M?dchen?“ Ihre Stimme klang pl?tzlich hart. ?Hier ist keins.“
Hatte sie sich geirrt? Emmanline konnte den Blick dennoch nicht abwenden. Das M?dchen stand noch immer dort… klar und deutlich. Es sah erst Emmanline an, dann wieder Linava. ?Sie hat dein Haar… blond-golden, nur etwas l?nger. Ihre Augen sind lila und sie…“
?H?r auf!“ Linava unterbrach sie scharf. Erschrocken wich Emmanline noch einen Schritt zurück, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Linavas Ausdruck verzerrte sich zu Zorn und unterdrückter Wut, und die Luft um sie schien zu vibrieren. Das K?tzchen in Emmanlines Armen verstummte augenblicklich, h?rte auf zu schnurren, presste sich tiefer an sie und begann zu zittern… als h?tte es die aufwallenden Emotionen gespürt. ?Ich… ich will das… nicht h?ren“, fuhr Linava sie an. ?Ich glaube dir nicht. Da ist nichts.“ Ihre Stimme bebte nun offen, jeder Laut getragen von Schmerz. Sie versuchte, sich zu beherrschen… doch es misslang. Der finstere Blick, den sie Emmanline zuwarf, lie? keinen Zweifel daran, wie tief sie getroffen war. Für einen flüchtigen Moment erkannte Emmanline den Drachen in ihren Augen… wild… verletzt… gef?hrlich.
Das… das hatte sie nicht gewollt.
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Noch bevor die Situation weiter eskalieren konnte, drehte Linava sich abrupt um und verschwand mit schnellen Schritten aus ihrem Blickfeld, als fliehe sie vor etwas, das sie nicht sehen konnte… oder nicht sehen wollte. Verdattert blieb Emmanline zurück, den Mund leicht ge?ffnet, das Herz schwer.
Pl?tzlich spürte sie ein sanftes Ziehen an ihrer Kleidung. Emmanline blickte hinab… und sah in das unschuldige, traurige Gesicht des kleinen M?dchens. Der Schmerz, der sie dabei durchfuhr, lie? ihr Herz heftig schlagen. Dieses Kind war realer als alles andere… und doch schien niemand au?er ihr es wahrzunehmen.
Im n?chsten Augenblick lie? das M?dchen sie los und rannte Linava hinterher. Emmanline blieb reglos stehen, die zitternde Katze fest an sich gedrückt, w?hrend eine einzige Frage sich wie ein dunkler Schatten in ihrem Inneren festsetzte.
Warum?
Lucien
Wie viele Stunden hatten sie noch im Besprechungssaal gesessen und über unz?hlige Dinge diskutiert? Es kam ihm viel l?nger vor, als Lucien sich einzugestehen wagte. Seine erste Ratssitzung… und er war bereits bis an die Grenzen seiner Nerven gegangen. Wie sollten dann erst all die kommenden Sitzungen werden? Würden sie immer so verlaufen? Gro?artig… dann standen ihm ja wahrlich rosige Zeiten bevor, auf die er sich ganz besonders freuen konnte. Vielleicht w?re es einfacher, wenn nicht st?ndig so viele von ihnen skeptisch oder schlicht zu stur w?ren, um m?glichen Ver?nderungen zumindest offen gegenüberzustehen… oder sie gar aktiv mitzutragen. Wie hatte sein Vater das all die Jahre ausgehalten, bevor er gestorben war? Allein der Gedanke daran erschien ihm unvorstellbar.
Trotz allem, was Lucien von seinem Vater gelernt hatte, musste er sich eingestehen, dass noch weit mehr vor ihm lag, als er angenommen hatte. Er hatte gewusst, dass es schwer war, ein K?nig zu sein… doch erst jetzt begann er, das volle Ausma? dieser Bürde zu begreifen.
?Lucien.“
Jemand rief seinen Namen. Lucien wandte sich um und sah die fürsorgliche Drachin vor sich stehen. ?Tarana“, erwiderte er und l?chelte sie mit roten Augen warmherzig an.
?Du bist wirklich sehr erwachsen geworden“, sagte Tarana leise, trat einen Schritt n?her und strich ihm liebevoll über die Wange... eine mütterliche Geste gleich kam. Lucien gestattete es ihr, weil sie als Heilerin einen besonderen Platz im Drachenvolk einbrachte. ?Deine Herangehensweise ist eine andere, aber in vielerlei Hinsicht bist du deinem Vater sehr ?hnlich.“
?Danke. Das wei? ich sehr zu sch?tzen.“ Auch wenn Lucien es nicht mochte, mit seinem Vater verglichen zu werden, erfüllte ihn doch ein tiefer Stolz. Es ehrte ihn… besonders, weil diese Worte von dem ?ltesten Ratsmitglied kamen, das im Rat sa?.
?Ich habe deinen Brief erhalten“, fuhr Tarana fort. ?Darum sollten wir uns noch einmal in Ruhe unterhalten.“ Lucien nickte zustimmend. In diesem Punkt war er ganz ihrer Meinung.
Emmanline
Weil Emmanline nicht wusste, wohin sie nun gehen sollte, nachdem die Drachin sie im Gang einfach zurückgelassen hatte, kehrte sie schlie?lich in ihr Zimmer zurück… jenes Zimmer, das sie mit Lucien teilte. Irgendwie spürte sie, dass sie nicht in das andere Zimmer zurückkehren konnte. Allein… dieser Gedanke fühlte sich noch immer seltsam an, ungewohnt… und doch war da dieses leise, unerwartete Gefühl von Geborgenheit, das sich jedes Mal in ihr ausbreitete, wenn sie daran dachte. Es war wirklich eigenartig, aber in ihr stieg das Gefühl auf, dass sie den Raum mit diesem Drachen teilen wollte.
Gerade hatte Emmanline die Tür hinter sich geschlossen, die kleine Katze noch immer auf ihrem Arm, wo sie sich schnurrend an sie schmiegte. ?Du scheinst dich wirklich wohlzufühlen…“, murmelte sie leise, und als Antwort erklang ein best?tigendes Maunzen, w?hrend gro?e gelbgrüne Augen zu ihr aufblickten.
Leise seufzend lie? Emmanline ihren Blick durch das gro?e Zimmer schweifen. Das Bett war ordentlich gemacht, vermutlich von einem der untergeordneten Drachen des Schlosses. Es war merkwürdig… andere verrichteten diese allt?glichen Arbeiten, w?hrend jene von h?herem Stand sich um wichtigere Dinge kümmerten. Und doch taten sie es freiwillig, mit Stolz, darauf bedacht, Ordnung und Sauberkeit zu bewahren, um das Wohl aller zu sichern. Erneut seufzend trat sie in die Mitte des Zimmers, setzte sich schlie?lich auf die weiche Bettkante und hielt das kleine, warme Bündel enger an sich gedrückt.
Emmanlines Gedanken begannen erneut, wilde Kreise zu ziehen. Tief in ihrem Inneren ver?nderte sich das Labyrinth ein weiteres Mal… doch diesmal wuchsen keine hohen, massiven Mauern mehr empor, die ihr den Weg versperrten. Stattdessen schien sich etwas zu lichten. Je l?nger sie sich mit diesem Gefühl besch?ftigte, desto klarer wurde alles in ihr. Erinnerungen, die sie über Jahre hinweg verdr?ngt hatte, kehrten zurück… pl?tzlich, gnadenlos, wie eine unaufhaltsame Welle, die über sie hereinbrach, sie mitriss und beinahe ertr?nkte. Und doch… war da diese Stimme. Kraftvoll, ruhig, bestimmend. Emmanline hielt sie fest, gab ihr Halt und half ihr, nach dieser inneren St?rke zu greifen, die sie so lange verloren geglaubt hatte.
Mit dieser inneren Lichtung kehrten auch die Erinnerungen an ihre Mutter zurück… immer mehr, immer deutlicher. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken daran, dass sie nicht mehr lebte, doch niemals würde sie zulassen, diese Erinnerungen zu verlieren. Sie hütete sie wie ihren kostbarsten Schatz.
?Du wirst deine Bestimmung finden, die das Leben für dich bereith?lt. Du musst sie nur sehen, erkennen und akzeptieren, dass sie genau so ist“, erklangen die Worte ihrer Mutter erneut in ihr und weckten weitere Erinnerungen, die sich warm und schmerzhaft zugleich um ihr Herz legten. ?Eines Tages wirst du begreifen, wie wertvoll alles sein kann, und dann wirst du so leben, wie du es willst und wie du es dir wünschst.“
?Ich verstehe... das nicht, Mama“, sagte sie leise wimmernd. Emmanline war kaum fünf Jahre alt… viel zu jung für solche Gespr?che… viel zu jung, um die Tiefe dieser Worte zu erfassen.
Ein warmherziges L?cheln, das sie immer geliebt hatte, hatte das ganze Gesicht ihrer Mutter erhellt. Ihre silbernen, leuchtenden Augen strahlten voller W?rme und ihr schneewei?es Haar schimmerte im eisigen Schein um sie herum. Trotz der eisigen K?lte und des Ausgeliefertseins war sie ihr gegenüber stets positiver Dinge. ?Das kannst du jetzt noch nicht verstehen, meine kleine Emma“, antwortete ihre Mutter sanft und streichelte wie immer liebevoll über ihr schneewei?es Haar. Dieser Kosename… ihr liebster Schatz. Er hatte ihr stets das Gefühl gegeben, behütet zu sein, selbst in der Gefangenschaft. ?Meine sü?e kleine Emma.“ Ihre Mutter zog sie in die Arme, und Emmanline hatte sich sofort an ihren warmen K?rper gekuschelt, ihren vertrauten Duft tief eingeatmet. ?Vergiss niemals, wie sehr ich dich liebe. Du bist meine tapfere Kleine, und ich bin so stolz auf dich. Ich werde dich auf das Leben vorbereiten, so gut ich es kann.“ Z?rtlich hatte sie ihr weiter über das lange, wei?e Haar gestrichen.
?Mama… wirst du nicht... immer bei mir bleiben?“, flehte Emmanline mit leiser Stimme, an ihre Brust geschmiegt... nach zus?tzlicher W?rme suchend.
Einen Moment lang hatte ihre Mutter geschwiegen. ?Ich kann es dir nicht versprechen, mein Schatz.“ Es war eine Ehrlichkeit gewesen, die sie als Kind nie wirklich verstanden hatte. ?Aber merke dir eines… du wirst niemals allein sein, egal, was geschehen mag. Auch wenn ich eines Tages nicht mehr bei dir sein sollte, werde ich dennoch bei dir bleiben und dich beschützen. Ich gebe dir vieles mit auf deinen Weg… Dinge, die du hüten wirst. Sogar musst. Eines Tages wirst du ein Wissen in dir tragen, über das du verfügen kannst… und du wirst wissen, wie du es benutzt.“ Sanft hatte sie Emmanline ein wenig von sich weggedrückt. ?Auch wirst du wissen, was das Richtige ist. Niemals wirst du allein sein.“ Dann hatte sie ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben.
Tr?nen glitzerten in Emmanlines Augen. ?Ich will nicht… dass du gehst“, schniefte sie, hart schluckend, bemüht, ihre Tr?nen zurückzuhaltend und um stark zu bleiben.
?Ich wei?, Emma“, sagte ihre Mutter sie beruhigt. ?Alles, was ich dir sage und beibringe, pr?ge dir gut ein. Es wird dein Leben bestimmen und dich leiten. Dein zweiter Instinkt wird dich begleiten… egal wohin du gehen m?chtest… h?re auf ihn. In dir steckt mehr als nur eines, das dich einzigartig macht.“
Ein scharfer Schmerz schoss durch ihren Kopf und riss sie j?h aus ihren Erinnerungen. St?hnend presste Emmanline beide H?nde an ihren Sch?del und schloss fest die Augen, w?hrend die Nachwirkungen noch in ihr nachhallten. Jetzt erst begriff sie das ganze Ausma? dessen, was in ihr verborgen lag… und dass dies l?ngst nicht alles gewesen war. Weitere Erinnerungen würden folgen, dessen war Emmanline sich sicher, doch sie war dankbar, dass sie nur in kleinen Bruchstücken zu ihr zurückkehrten. Sie hoffte inst?ndig, dass es so bleiben würde, denn alles auf einmal h?tte sie wohl nicht ertragen. Daran würde sie definitiv zerbrechen.
Ein leises Miauen lenkte Emmanline ab, und ihr Blick fiel auf das kleine Bündel auf ihrem Scho?, das sie mit gro?en, besorgten Augen ansah. ?Keine Sorge... mir geht es gut“, murmelte sie sanft und strich dem K?tzchen beruhigend über den flauschigen Kopf. Es war erstaunlich und rührend zugleich… wie sehr dieses kleine Wesen auf sie reagierte, obwohl sie sich kaum eine halbe Stunde kannten. Offenbar hatte es Vertrauen zu ihr gefasst, und die Klarheit, die in diesen gelbgrünen Augen lag, berührte sie tiefer… als sie erwartet h?tte.
Langsam wandte Emmanline ihren schneewei?en Schopf zur Seite, und in ihr festigte sich ein Entschluss. Mehr denn je wollte sie den wahren Grund erfahren, was es mit diesem Rubin auf sich hatte. Sie musste wissen, warum dieser blutrote Stein sie nicht loslie?… warum er wie ein unsichtbares Band an ihr hing. Vorsichtig nahm sie den Rubin zu sich und setzte sich erneut auf das Bett, diesmal mittig, mit angewinkelten Beinen, sodass die weiche Matratze unter ihr nachgab. Der Stein lag schwer in ihrer Hand, beinahe lebendig, w?hrend Emmanline ihn aufmerksam betrachtete, ihn drehte und wendete, als k?nne er ihr jeden Moment ein Geheimnis offenbaren. Was hatte es nur mit diesem Rubin auf sich? Es musste eine Verbindung geben… einen Faden, dem sie folgen konnte… nur einen kleinen Hinweis würde sie schon weiterbringen. Die Drachen spielten dabei eine zentrale Rolle, und wie Lucien ihr erkl?rt hatte, bestand dieser Stein aus ihrem eigenen Blut und diente als Gef?ngnis. Unz?hlige Seelen mussten darin eingeschlossen sein… verdammt dazu, niemals Frieden zu finden. Doch warum war es so? Wer war f?hig gewesen, einen derart grausamen Fluch auszusprechen, der Seelen an einen Rubin band? Oder war es keine Verfluchung im eigentlichen Sinne, sondern reine, verdorbene Magie?

